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In 80 Minuten um den Block: Eine Pionierfahrt zur Entschleunigung

In 80 Minuten um den Block: Eine Pionierfahrt zur Entschleunigung

Jan Fischer läuft in 80 Minuten um den eigenen Block. Sammelt neongrüne Plastiklöffel, zartrosa Blütenblätter und ein paar helle Momente im Nieselregen seiner Nahumgebung. Ein Ausflug in Zeitlupe.

Frage: Sieht so der Tourismus der Zukunft aus?

Datum: 5. November 2017, 11:40 Uhr

Ort: 52°22`30" N, 9°44`20" O, Wilhelm-Bluhm-Straße, Linden, Hannover

Reisebericht [in Auszügen]

11:40 Ich stehe vor meiner Haustür. Es regnet, und ich frage mich, ob ich nach rechts oder nach links gehen soll.

11:41 Gerade sind drei Mädchen in Regenkleidung und Fahrradhelmen an mir vorbeigelaufen. Ich laufe jetzt nach links los, das ist meine dominante Seite. Weil ich Linkshänder bin.

Ich habe vor unserer Haustür ein Graffiti entdeckt, das ich noch nie vorher gesehen habe. Es ist eine Art Auge. 

Gegenüber liegt eine Plastikverpackung eines „Rechteckdichtringes“. Der ist wohl für Thermen.

Eine Taube kommt auf mich zu, läuft hier so durch die Gegend, wackelt mit dem Kopf, versucht, Blätter aufzupicken. Sie kommt mir nicht näher.

Die Visitenkarte eines Gebrauchautohändlers klemmt an einem roten Suzuki Alto.

11:44 Ich schaue bei der KiTa um die Ecke ins Fenster. Da hängt eine Gitarre an der Wand, da hängen auch so Fotos von KiTafesten. Darüber spiegelt sich im Fenster das Stoppschild von gegenüber. Außerdem sieht man Bastelsachen. Im Fenster sind Federn. Vor dem Fenster liegt ein Kaugummi, rosa. Kurz überlegt, ob ich das mitnehme, mache ich aber nicht.

11:47 Ich stehe vor einem Hauseingang mit einem Klingelschild, einer der Namen ist so eigenartig angebracht, also nachträglich und handschriftlich, man weiß gar nicht, wo man klingeln soll, wenn man dort klingeln möchte. Direkt daneben steht ein Müllcontainer, der beklebt ist mit diversen Aufklebern gegen Kapitalismus und für Sneaker. Der Container ist voller noch in Plastik eingeschweißter Ausgaben dieser „Einkauf aktuell“- Gratiszeitung. 

[8 Minuten später.]  

11:55 Es ist recht viel passiert, eigentlich. Ein Jogger ist vorbeigelaufen, in kurzer Hose. Außerdem habe ich etwas aufgesammelt, ich bin mir nicht sicher, was es ist, Teil eines Buttons vielleicht, oder ein Aufkleber mit einem Bienenmuster. Und die Kirche hat angefangen zu dengeln, mir ist nicht ganz klar, warum. Es ist Sonntag, deshalb vermute ich mal, dass der Gottesdienst vorbei ist, ich habe die Glocken jedenfalls noch nie um diese Uhrzeit gehört.

Jetzt sind hier gerade ein Menge Tauben, die alle irgendwelche Dinge vom Boden aufpicken, die ich nicht erkennen kann. Ich weiß nicht, was sie aufpicken, aber es scheint spannend zu sein.

Von hier aus sehe ich einen Spielplatz, vor dem Spielplatz ist eine Freifläche, auf der ein großer Tisch steht. Auf der Fläche stehen, Setzlinge nennt man das wahrscheinlich nicht mehr, kleinere Bäume, die in Baumhalterungen stecken, lila bemalt. Sie sind bestrickt.

11:58 Ich bin ein wenig von meinem Weg abgewichen, weil ich hier einen „Ganzkörpertrainer“ entdeckt habe. Es ist ein Edelstahlgerät mit zwei, wie sagt man, Fächer, vielleicht. Dinger, jedenfalls, wo man die Füße reintut, es gibt zwei Stangen, die man mit den Händen zieht, und dann sieht es ein wenig so aus als würde man laufen, nur eben auf der Stelle. Das ganze entspricht der DIN-Norm 7900:2012-05 und ist von der Playfit GmbH produziert. Ich lese mir selbst aus der Bedienungsanleitung vor: „Der Ganzkörpertrainer trainiert die Koordination und Kondition. Durch dieses Ganzkörpertraining werden alle wichtigen Muskelgruppen beansprucht und gekräftigt.“ Ich mache das jetzt nicht, es ist nass, und ich habe Angst mich zu verletzen. 

Es stehen hier auch noch zwei andere Geräte, an denen man so drehen kann mit den Händen. Es gibt auch einen Mülleimer mit Bank, offensichtlich hat dort jemand ein hartgekochtes Ei gegessen, jedenfalls liegt hier Eierschale.  

[8 Minuten später.] 

12:06 Ich habe einen Tischkicker entdeckt, der hier draußen steht. Er ist auch wieder vollgeklebt. Hannover 96, Die Linke, Inner Engineering, da ist irgendeine Art von bärtigem Yogi drauf abgebildet.

12:08 Ich habe einen neongrünen Eislöffel auf der Straße entdeckt. Ich packe ihn ein.

12:09 Ich bin auf dem Spielplatz angekommen. Der Boden ist mit Mulch ausgelegt, es gibt diverse Holzgeräte. Architektonisch erinnern sie an „Das Kabinett des Dr. Caligari“.

12:12 Ich klettere ein bisschen auf den Spielgeräten rum, es ist alles recht nass und glitschig. Ich habe einen Hühnchenknochen gefunden und Zigarettenkippen. Das ist jetzt nicht ganz so wahnsinnig interessant, aber vielleicht in der Masse dann doch aussagekräftig.

12:14 Ich beobachte eine Mutter, die mit ihrem Kind über eine Art in den Boden eingelassenes Trampolin läuft. Das Kind ist an einer Leine festgebunden, die die Mutter hält.

Ich verlasse jetzt den Spielplatz durch einen anderen Eingang und bewege mich in Richtung des Bücherschrankes, der hier neben dem Spielplatz steht und versuche, mir den Mal aus der Nähe anzuschauen. 

Der Bücherschrank ist natürlich besonders interessant, weil er etwas darüber sagt, was die Leute hier lesen. „Dr. Schiwago“, „Nicht ohne meine Tocher“, „Nachtzug nach Lissabon“, „Romeo und Julia“, beworben als „Das Buch zum Film“, ich vermute mal so Mitte/Ende 90er herausgekommen, ein Windows-Vista-Buch und etwas namens „Das Ekel aus Säfflon“.

12:20 Ich bin an einer Ecke angekommen, an der sich eine Bäckerei befindet. Ich stelle mich mal in den Eingang, es regnet immer noch, und versuche, mir eine Zigarette zu drehen. An der Bäckerei steht der Spruch: „Transparenz ist keine kapitalistische Tugend“.  Die Bäckerei ist leer, und wird offenbar schon länger nicht mehr betrieben, es sind allerdings immer noch Kekse den Gläsern auf der Theke, unter anderem Sorten namens Schoko-Schoko und Orange-Schoko.

12:25 Gerade ist ein Mann auf einem Elektroroller vorbeigefahren, er trug einen Cowboyhut und eine Jeansjacke mit vielen Nieten. Mein nächstes Projekt ist: Ich sehe von hier aus eine Colaflasche, die auf einem Stromkasten abgestellt ist, das ganze sieht etwas kunstwerkig aus.

12:26 Ich laufe auf die Colaflasche zu, die eigentlich keine Colaflasche ist, sondern eine Flasche Uludag, Wasser, denke ich, obwohl ich nicht wusste, dass Uludag auch Wasser verkauft. Jedenfalls tun sie das laut Angaben auf der Flasche seit 1930. Ein Stück weiter entfernt liegt ein Haargummi.

12:28 Ich schaue mir Rostmuster auf einem, ich würde sagen, mittelgroßen Lastwagen an. Ich möchte nicht sagen, dass der Rost tatsächlich ein Muster formt, es ist aber dennoch faszinierend.

12:29 Ich habe einen Kronkorken mit dem Spruch „Null Besserwisser“ aufgesammelt. 

[13 Minuten später.]  

12:42 Ich schaue in das Innere eines Wohnwagens, da ist ein Gasherd, ein Waschbecken und so ein Dekoelement, ein Dekopapierding.

12:43 Gerade ist der Mensch mit dem Cowboyhut auf dem Elektroroller wieder vorbeigefahren.

12:44 Ich stehe vor einer kombinierten Herren- und Behindertentoilette, einer öffentlichen, da ist eine Rampe dran gebaut und darunter liegen diverse Flaschen. Diese kleinen Flasche Wodka und ich glaube es ist ein jägermeisterähnlicher Kräuterschnaps mit dabei.

12:48 Eben ist eine ältere Frau vorbeigekommen und hat einige der leeren Flaschen aufgesammelt. Jetzt geht sie zum Glascontainer gegenüber und wirft sie weg. Die Frau trägt eine neongelbe Mütze.  

[12 Minuten später.]  

13:00 Ich bin jetzt 80 Minuten unterwegs, fast auch wieder zuhause, vor meiner Tür. Ich laufe gerade einem Wagen vorbei, einem Sprinter, der offensichtlich einer Firma gehört, einige Häuser weiter. Es handelt sich um eine Firma, die Gebäudereinigung, Glasreinigung, Entrümpelung und Transporte anbietet. Ich frage mich, wie die Glasreinigung in diese Reihe passt.

13:01 Ich bin an meinem Ausgangspunkt. Vor der Tür steht ein abgesägter Baum, der zwischen den anderen Bäumen in der Straße etwas kaputt aussieht. Ich vermute es ist ein Baum, der wegen des  Sturms abgesägt werden musste, recht brutal.

13:02 Jetzt bin ich 82 Minuten unterwegs und stehe direkt vor der Haustür und betrachte noch eine leere Geltube, die neben dem Baum liegt.

13:04 Ich habe meinen Block erkundet und gehe jetzt wieder rein.

Versuch: Per Anhalter durch die Region

Versuch: Per Anhalter durch die Region

Die Mitnehmbank: Stationen für Trampende, stehen vereinzelt bereits im ländlichen Raum, als Startpunkt für die Mitnahme durch vorbeifahrende Autos, als Alternative zum öffentlichen Nahverkehr, dessen Netz außerhalb der urbanen Zentren, naja: nicht immer optimal ausgebaut ist. Gute Idee, finden die Mobilauten. Und setzen sich mit einer selbstgebauten Variante einer Mitnehmbank an die Landstraße.

Frage: Wieso nimmt uns niemand mit?

Datum: 7. November 2017, 15:10 Uhr

Ort: 52°22`30" N, 9°44`20" O, irgendwo auf einer Landstraße, Niedersachsen

Die Mobilauten sitzen fest. Auf einer Landstraße im Nirgendwo versuchen sie, zum nächsten Bahnhof zu kommen. Oder zumindest zum nächsten Supermarkt. Per Anhalter von A nach B, so schwer kanns ja nicht sein.

Es passiert erst mal – nichts. Dann: ein Auto. Es fährt auf uns zu. Kurzer Blickkontakt mit der Fahrerin. Vorbei. Der Wagen verschwindet.

Egal, beim ersten Mal klappt es ja nie.

Warten. Daumen raus.

Nr. 2.

Nr. 3.

Und da noch eins. Und da wieder.

Wir beginnen, uns abzuwechseln.

Kein Erfolg.

Die Allee liegt vor uns, das Ziel in weiter Ferne: die Stadt, mit ihren Naheinkaufsmöglichkeiten, der medizinischen Versorgung und den ganzen Freizeitangeboten, Kulturveranstaltungen und Fingernagelstudios, von denen man sich immer fragt, wer da eigentlich reingeht. Wenn man ein paar Stunden am Rand einer Landstraße verbracht hat, weiß man plötzlich, dass French Manicure mehr ist als eine chemikaliengetränkte Geschmacksverirrung, die man für 5,- Euro von einer kleinen Frau mit Mundschutz verpasst bekommt. Wer die ersten 10 Autos an sich vorbeifahren ließ, ohne mitgenommen zu werden, für den (oder die) steht fest: Ich will eine French Manicure, und zwar jetzt sofort.

Es geht um das Recht auf Konsum, oder nein, vielmehr: um die Teilhabe am gesellschaftlichem Leben. Man muss nicht hingehen, könnte aber. Wir jedoch, auf dieser Landstraße, auf unserer Mitnehmbank sitzend, den Daumen raushaltend, können nicht, weder French noch irgendwas, wir können nur: warten. Gut, die Maniküre ist nicht der eigentliche Punkt. Und ihr Fehlen bestimmt auch nicht der Grund, dass wir nicht mitgenommen werden. Denn der Zustand unserer Daumenspitze ist ja aus der Entfernung gar nicht zu erkennen. Sie müssen also andere Gründe haben, uns nicht mitzunehmen, die Menschen in den Autos.

Wirken wir zu wenig vertrauenserweckend? Sollten wir die Mobilautenanzüge ausziehen? Haben sie ein anderes Ziel als wir? Müssen sie schnell weiter und haben keine Zeit, anzuhalten? Fürchten sie sich davor, dass wir in ihrem Auto kleckern oder den Dreck unserer Schuhe auf die Polster verteilen? Fragen sie sich, wer im Versicherungsfall die Kosten übernimmt? Glauben sie, das nächste Fahrzeug wird uns schon mitnehmen? Vermuten sie, wir möchten sie überfallen – oder noch Schlimmeres (was immer)? Hat ihnen niemand erzählt, wie das mit den Mitnehmbänken funktioniert? Oder wissen sie einfach nicht, wie unsere weißen Kisten in ihr Auto passen sollen?

Genug. Wir rufen durchgeforen ein Taxi. Teurer Spaß, aber immerhin: Es kommt, hält an und nimmt uns mit. (Die Kisten kann man übrigens zusammenklappen.) Die Frage, warum uns niemand mitnehmen wollte, lässt uns allerdings nicht los.

"Unterhaltet Euch doch mal mit Hamish", sagt Matze, als unsere gescheiterten Existenzen um 42,- Euro ärmer wieder in der Mobilautenzentrale ankommen. "Er ist aus Neuseeland. Da trampt man morgens sogar zur Arbeit."

Unglaublich. Da wäre man in Deutschland schnell abgemahnt oder ganz ohne Job. Man würde ja entweder zu spät oder gar nicht erscheinen. Ein Gespräch mit jemandem, für den ein Daumen in der Luft keine linksradikale Tourismusform für Backpacker ist, scheint also eine hervorragende Idee. Ein Hitchhiker des Alltags, ein normaler Durchschnittstramper, ein Pionier für die Mobilität im ländlichen Raum – mehr dazu in Kürze.

Die Gläserne Manufaktur: Drehen, Schweben, Gleiten

Die Gläserne Manufaktur: Drehen, Schweben, Gleiten

Er hat Bürgermeister getroffen, Paternoster bezwungen und den Brocken-Benno gefangen. Er hat die Filterblase seiner Existenz durchstoßen und mit Menschen gesprochen, die vorher außerhalb seines Radars lagen. Nun hat er hinter die Gläserne Manufaktur geblickt.

Ein letzter Bericht des Forschungsmobilauten.

(Geschrieben vor seinem Besuch auf der Pegida-Demo.)

Ich erinnere mich an folgende Szene meiner Jugend: Wir sitzen bei einem Freund zuhause, die Mutter, Sportlehrerin, regt sich über das vom Lehrplan vorgeschlagene Sportprofil für einen Kurs auf, der unter dem Topos „Rollen, Schweben, Gleiten“ stehen soll. 

Man stelle sich vor: Eine Lehrkraft betritt die Turnhalle und übermütige Schüler und Schülerinnen haben bereits mit den Inhalten des Kurses begonnen. „Jetzt gleitet doch nicht alle so wild durcheinander. Und nicht bis an die Decke schweben! Rollt doch mal alle ordentlich zusammen: los, los!“ 

Mir persönlich hätte das ja gefallen.  

In dieser Mission lerne ich, wie Volkswagen in der Gläsernen Manufaktur durch Gleiten und Schweben den neuen E-Golf zusammenzaubert und rolle danach mit demselben durch Dresden. Ein Blick auf die Zukunft des Automobilverkehrs.  

Die Gläserne Manufaktur in Dresden wurde eigentlich von Volkswagen eingerichtet, um in einem prestigeträchtigen Werk ein prestigeträchtiges Auto herzustellen: Den VW-Phaeton, der eigentlich das Aushängeschild für VW im Bereich der Luxus-Limousinen darstellen sollte. Verkauft hat sich der Traum von dem Edel-Schlitten leider nicht so gut. Nur in Asien gab es wohl viele Interessierte, aber eigentlich sei das Zeitalter der Limousinen auch vorbei, lerne ich, als ich die futuristische Fabrik besuche und wir vor einem der letzten Phaetons stehen, der hier aus der Fabrik gerollt ist. Obwohl ich nicht ganz genau weiß, ob er wirklich hier raus gefahren ist oder rausgebeamt wurde, denn die Gläserne Manufaktur steht der Zukunftsfähigkeit ihres neuen Produktes, dem E-Golf, in nichts nach. Wenn man sie betritt, glaubt man, das Zeitalter vom Moloch der Großfabrik, die sich selber unter einer Säule aus schwarzen Rauch begräbt, scheint vorbei.  

Drinnen ist es gefühlt so hell wie draußen. Die ganze Fassade ist eine Glasfront. Und obwohl es draußen noch ordentlich sommert, ist es drinnen angenehm kühl. Der Boden ist Echtholzparkett – wenn auch kein Fischgrätenparkett (wie man aus „Mieten-Kaufen-Wohnen“ weiß).

Das Fließband wurde gegen einen Fließboden getauscht, auf denen die Arbeiter*innen mit den Karosserien von Station zu Station fahren. Gut, dass ich heute den Mobilauten-Anzug mal daheim gelassen habe, sonst würde ich glatt mit ihnen verwechselt und ich dürfte vor 16.30 Uhr nicht mehr zurück. Dann müsste ich halt ein Leben als Autobauer in Dresden führen. Sicher nicht ganz schlecht, denn hier wurde alles auf angenehme Arbeitsabläufe ausgerichtet. Kräne lassen die Autos auf verschiedenen Ebenen durch das Werk schweben. Dann kommen sie auf Türmchen, auf denen man sie lustig in alle Positionen drehen und wenden kann, um im günstigen Winkel an ihnen schrauben zu können. Zuletzt werden selbstfahrende Roboter aktiv und liefern der Karosserie das passende Fahrwerk, in der sich auch die große Schmetterlingsbatterie (was für ein blumiger Name...) befindet. Es kommt zur Hochzeit: Boden und Karosserie werden verbunden, ein neuer Golf ist entstanden. Seufz.  

Später darf ich eine Testfahrt mit dem Produkt der Fabrik machen: einem E-Golf. Also einem Produkt der Fabrik. Das andere Produkt der Fabrik ist ein märchenhaftes VW-Image, in dem man glaubt, die Autos der Zukunft würden im Wesentlichen aus einem Gute-Laune-Heititei-Verbundsstoff hergestellt und mit Ahoi-Brause betrieben. Aber ein bisschen Stolz auf eines der ersten markfähigen Elektro-Auto soll ja nun auch erlaubt sein.  

Eines der ersten Elektro-Autos?  

Stimmt gar nicht!  

Denn als ich im Foyer stehe, erfahre ich, dass es schon in den 70ern einen Elektro-VW gab und die Taxis im New York der 20er Jahre auch mit Strom fuhren. Nur die Reichweite war damals ein Problem. Bis zum Ende der Einfahrt und zurück kam man aber schon damals ohne Aufladen.  

Der Golf, in dem ich jetzt sitze kann immerhin etwa 300 Kilometer am Stück brettern. 600 Kilometer Reichweite strebt VW in der Zukunft an. Das bräuchte es, damit der Großteil der Bevölkerung auch den Kauf eines Elektro-Autos in Erwägung ziehen würde, meint der Fahr-Instruktor. Selbiger hilft mir beim Eingewöhnen in das komplett elektronische Fahrzeug. Wobei es formal kaum einen Unterschied zu einem Verbrennungsauto gibt. Blinker, Lenkung, Spiegel- alles erstmal gleich. Die Differenz liegt eher im Fahrverhalten: Da die Spannung direkt in den 1-Gang-Motor fließt gibt es keine Verzögerung durchs Schalten, kein Aufheulen des Motors und kein übertouriges oder untertouriges fahren. Man drückt aufs Pedal und – holla die Waldfee – die Kiste springt flott nach vorne. Wie ein Mariokart – nur halt nicht von Nitendo und in echt. Und genau wie bei Nitendo kommt auch der Fahrsound vom Band. Fahrsound-Schalter ein: WURRRRR! Fahrsound-Schalter aus: (theatrales Zirpen einer Grille in der Ferne).  

Besonders ist auch das Bremsen: Im Grunde braucht der Golf die mechanische Bremse nur um wirklich still zu stehen. Sonst wird die Fahrt-Energie durch Rekuparation in den Akku des Golfs zurückgespiesen. Das bekommt man dann auch direkt angezeigt. Wir fahren einen Berg runter und schwups sind 15 Kilometer mehr auf der Reichweiten-Anzeige. „Das ist aber natürlich kein Perpeto-Mobile“, meint mein Fahrtbegleiter. „Wenn es gleich bergauf geht, sind die auch schnell wieder weg.“ Dennoch habe ich das Gefühl durch die Kilometer-Anzeige Spaß am sparsamen Fahren zu bekommen. Und auch das mit der Reichweite ist eigentlich kein größeres Problem. Denn die meisten Menschen nutzen das Auto für den Arbeitsweg, der durchschnittlich etwa 20 Kilometer beträgt.  

Außerdem könnte es in der Zukunft neue Konzepte von Besitzt und Mobilität geben.  

So wäre es denkbar, dass man sich bei Volkswagen ein Service-Paket bucht. Das beinhaltet dann zum Beispiel Kleinwagen, Bulli und Limousine, die man dann immer wieder gegeneinander tauschen kann. In der Woche gibt’s dann den City-Flitzer, in den Ferien die Familienkutsche. Die tauscht man dann wieder gegen ein Auto, das gerade wieder frei geworden ist - so zeichnet mir mein Begleiter eine mögliche Zukunft an.  

Das klingt etwa so futuristisch wie das Foyer der gläsernen Manufaktur gestaltet ist. In ihm eine mögliche Neuauflage des Alten T1-Bulli, ein 1-Liter-Auto und ein Auto-Innenausbau der Zukunft: ohne Lenker und Amatur, dafür mit einem dicken Infotainmentsystem.  

Nach der Testfahrt schlendere ich noch ein bisschen hier rum. Aber während man hier über ein grünes Morgen nachdenkt, werkelt man Luftlinie 1000 Meter weiter an der Rückkehr in eine traurige Vergangenheit: Auf dem Altmarkt gibt es nämlich heute eine Pegida-Kundgebung. Zur Erforschung der geistigen (Im-)Mobilität will ich mir auch die ansehen.            

Die Berge & der Babelfisch

Die Berge & der Babelfisch

Die Erfahrungen der letzten Wochen mit Projektinitiativen des creativeALPSlab haben gezeigt: die große Herausforderung für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Berggebieten liegt in der Übersetzung:

Übersetzung von Begriffen, Konzepten, Habitusformen, Arbeitsweisen. Was in der Stadt geht, geht nicht ohne weiteres auch im Bergdorf. Aber: was Stadt und (Berg)Land dabei jeweils ausmacht, ist keineswegs so klar, wie uns die gängigen Bilder im Kopf das Glauben machen. Auch in Bergregionen wird „urban“ gedacht und gelebt, nicht nur in dem allgemeinen Sinne, dass medial vermittelte Gleichzeitigkeit (mit allem, was da an Vorstellungen und Phantasien dranhängt) im globalen Maßstab auch im abgelegenen Alpenraumzonen alltäglich ist und die Welt nicht am Ausgang des Tals endet. 

Aber hier gilt es nun auch, genauer hinzuschauen auf die Regionen, in denen Kultur- und Kreativwirtschaft „alpin“ werden könnte – und zu schauen, welche Anschlussmöglichkeiten und Übersetzungserfordernisse und Potentiale es da gibt bzw. braucht. Das soll nun in Folge versucht werden – mittels einer provisorischen Typologie, die zugleich Hintergrund dessen ist, was a künftigen Aktivitäten des creativealps_lab ansteht. Aus der bisherigen Arbeit heraus lassen sich heuristisch zugespitzt drei Typen von Bergregionen charakterisieren, die in jeweils spezifischer Weise Rahmenbedingungen für kultur- und kreativwirtschaftliche Engagements bieten:

1) Bergregionen in der Nähe von ökonomisch starken Gebieten – nennen wir sie periurbane Bergregionen– wie etwa im Einzugsbereich des Rheintals, die in einer engen sozioökonomischen Verbindung miteinander stehen: hier findet das berufliche Leben zumindest eines Teils der Dorfbewohner im nichtdörflichen Umfeld statt, was Rückwirkungen auf die Resonanz der regionalen und lokalen Gemeinschaft für Themen aus dem quasistädtischen Umfeld hat; es mischen sich abgestammte lokale Bevölkerung und Zuzügler und zuweilen wird ein Motto wie „Wohnen, wo andere Ferien machen“ zur Markierung solcher Dorfstrukturen gewählt. Diese Regionen sind zwar meist gut angebunden und nahe an ökonomisch prosperierenden Zonen, allerdings meist auch nicht billig – was für kultur- und kreativwirtschaftliche Aktivitäten, die auf mehrheimischen Lebensformen basieren, durchaus ein bedenklicher Faktor sein kann. Aber – solche Regionen sind jedenfalls nicht völlig unmusikalisch für urbane Denkstile, was sie wiederum für manche kultur- und kreativwirtschaftliche Akteure interessant machen kann. 

2) Bergregionen in entwickelten Tourismusdestinationen – nennen wir sie temporär-urbane Regionen: Meist durch Saisonbetrieb und einen Hochwinter-Hochsommer-Rhythmus geprägt (und in nicht weniger Fällen sehr ungleich verteilt: also entweder Sommer- oder Winterfokus) gleichen diese teilweise eher temporären „Zwischenstädten“, in denen Elemente des Urbanen und des Dörflichen verwoben sind. Leerstand und Raumnot wechseln ab, die Arbeitskräfte im Tourismus sind wie die Gäste meist nur Teilzeiteinwohner, die nomadisch leben und geografisch den saisonalen Konjunkturen folgen – auch das prägt die Atmosphäre vor Ort in eigenwilliger Weise: eine Vielzahl soziokultureller Versatzstücke kommen in dynamische Mischungsverhältnisse – was ja landläufig als ein zentrales Kriterium des urbanen Lebens gesetzt ist. Entwickelte Tourismusregionen sind zudem Teil eines global agierenden Wirtschaftszweigs, der nach ebenso globalen Regeln funktioniert und das regionale und lokale Leben entsprechend „global“ prägt: es geht um Destinationsmanagement und die Bildung von Marken effizienter Ambientedienstleistung. Dörfliche Identitätsverhandlung wird dabei oft als Markenprozess gemäss des internationalen „state oft he art“ betrieben – mit dem Effekt, dass die Grenze zwischen Selbstbild und Fremdbild verschwimmen bzw. das Selbstbild aus den vorgestellten Fremdbildern ge-bildet wird – ein Phänomen, das nicht berggebietsspezifisch ist, aber auch hier Folgen für das Gemeinwesen zeitigt. Ein weiterer Faktor: Die Gäste erwarten zumindest Teile eines Angebots, das man „urban“ nennen kann – und finden unter dem wörtlichen Label „urban alpine“ nicht nur in Trenddestinationen in den Bereichen Architektur, Kulinarik, Fashion, technische Infrastruktur und sonstigen Konsumoptionen ein Angebot, das sich außer der landschaftlichen Kulisse nur in einem fundamental unterscheidbar ist von dem, was die zeitgenössische Stadt bietet: der Saisonalität. Urban von Weihnachten bis Ostern, dörflich von Ostern bis Juni, urban von Juli bis September, dörflich von Oktober bis Weihnachten, wobei sich beide Dimensionen natürlich fortwährend durchdringen und überlagern bzw. je nach Destinationstyp eben auf eine der Saisonen fokussiert bleiben. Aus der Warte der Kultur- und Kreativwirtschaft heißt dies, dass die Bedeutung dieser Saisonalität für das jeweilige Lebens- und Geschäftsmodell zu berücksichtigen ist – denn es ist de facto eine sehr spezielle Art der „Bergdörflichkeit“, die in solchem temporär-urbanen Regionen zu finden ist. 

3) Ein dritter Typus wären jene Bergregionen, die man klassischerweise als strukturschwach bezeichnet und wo der Kreislauf aus fehlenden ökonomischen Perspektiven, negativer demographischer Entwicklung und fehlenden infrastrukturellen Entwicklungsimpulsen zu einem soziokulturellen Phlegma geführt hat. Eine Folge ist, dass der Austausch mit urbanen Regionen kaum (mehr) ausgeprägt ist und die Zeichen – im wörtlichen wie übertragenen Sinne – auf Schwund und Verfall stehen. Zugleich stellen gerade diese non-urbanen Berggebiete nicht selten nachgerade ideale Kulissen für die scheinbarer Bestätigung klischierter Vorstellungen vom vermeintlich „einfachen“ und „authentischen“ Leben dar, die allerdings mehr über den imaginären Horizont jener aussagen, die so reden als über das, was in solchen Orten geschieht. Aber – und für kultur- und kreativwirtschaftliche Dynamiken nicht uninteressant: unter der Überschrift „new highlanders“ sind auch solche Gebiete seit einiger Zeit zunehmend ein potentieller Raum für neue Lebensformen, die in spezifischer Weise auf einer Kultur der Kreativität fußen – allerdings einer, die sich entweder relevant vom urbanen Kontext lösen oder aber vergleichsweise komplexe logistische Herausforderungen zu bewältigen hat. Und obwohl es eine Frage der Zeit sein dürfte: das Narrativ des digitalen Nomaden stößt in nicht wenigen Berggebieten schnell an technische Grenzen, da die Netzverfügbarkeit im Alpenraum keineswegs flächendeckend so ausgebaut ist, wie es viele Kultur- und Kreativschaffende gewohnt sind und benötigen.

Diese Typologie ist natürlich hoch schematisch – aber hier geht es vor allem darum, einen zentralen Punkt zu verdeutlichen: es gibt nicht die einfache Übersetzung urbaner kultur- und kreativwirtschaftlicher Strategien in bergdörfliche Zusammenhänge. Vielmehr ist jeweils zu fragen, in welchem Resonanzraum man operiert und mit wem welche Themen verhandelt bzw. Initiativen gestartet werden können – und welche Art von Kommunikation dazu dienlich ist. Mit der Erwartungshaltung zu starten, dass man nun den Landeiern Entwicklungshilfe andienen müsse ist dabei nur der offensichtlichste aller möglichen Fehler. Es braucht eine Einlassung auf die spezifische Situation vor Ort bzw. auf die jeweils etablierte Kultur der Urbanität, auf die hin die etablierten Narrative der Kultur-  und Kreativwirtschaft immer noch gestimmt sind. Und es braucht ggf. eher neue Narrative – wie das oben skizzierte einer montanurbanen Lebensform – als paternalistisch Nachhilfe für die ansässige Bevölkerung dahingehend, dass diese den alten Narrativen folgt. 

Doch auch mit Blick auf infrastrukturelle Fragen ist mit Blick auf Berggebiete Differenzierung angesagt und zuweilen komplexer zu bewerkstelligen als im urbanen Zusammenhang - und was das konkret heisst wird u.a. im Rahmen des am 8.-9.11. an Zürcher Hochschule der Künste stattfindenden Workshop "Kultur- und Kreativwirtschaftschaft im Alpenraum - Beispiele, Methoden, Analysen“ diskutiert werden - und das creativeALPSlab auch zukünftig beschäftigen: auch der blog bleibt dran.

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